Kinder und Jugendliche können genauso an psychischen Problemen leiden wie Erwachsene — oft aber zeigt sich das anders. Statt über Gefühle zu sprechen, zeigen Kinder ihre Not manchmal durch Verhaltensauffälligkeiten, Schulprobleme oder körperliche Beschwerden. Professionelle Hilfe kann Weichen für das weitere Leben stellen.
Wann braucht ein Kind oder Jugendliche:r Therapie?
Es gibt keine scharfe Grenze zwischen "noch normal" und "braucht Hilfe". Als Orientierung: Wenn Probleme andauern, den Alltag erheblich beeinträchtigen oder die Entwicklung des Kindes behindern, ist eine professionelle Abklärung sinnvoll.
Mögliche Anzeichen bei Kindern (bis ca. 12 Jahre)
- Anhaltende Verhaltensveränderungen (Rückzug, Aggressivität, Reizbarkeit)
- Schulverweigerung oder starker Leistungsabfall
- Schlafprobleme, Albträume, Einnässen nach trockenem Stadium
- Starke Trennungsangst, die altersungemäß ist
- Häufige körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursache (Bauchweh, Kopfweh)
- Anhaltende Traurigkeit, Weinen ohne erkennbaren Grund
- Essprobleme oder exzessiver Medienkonsum
- Erlebte belastende Ereignisse (Scheidung, Todesfall, Mobbing, Umzug)
Mögliche Anzeichen bei Jugendlichen (13–18 Jahre)
- Sozialer Rückzug, kaum mehr Kontakt zu Freund:innen
- Starke Stimmungsschwankungen oder anhaltende Niedergeschlagenheit
- Selbstverletzendes Verhalten (Ritzen, Kratzen)
- Essstörungen (drastisches Abnehmen, Erbrechen, Essanfälle)
- Substanzmissbrauch (Alkohol, Cannabis)
- Gedanken, das Leben nicht mehr haben zu wollen
- Starke Angst, die den Alltag einschränkt
- Identitätsprobleme, Orientierungslosigkeit
Kinder- und Jugendpsychotherapie: Was ist das Besondere?
Psychotherapie für Kinder und Jugendliche unterscheidet sich von Erwachsenentherapie in mehreren wichtigen Punkten:
- Altersgerechte Methoden: Bei jüngeren Kindern steht Spieltherapie, Kunst oder Bewegung im Vordergrund — nicht reines Gespräch
- Elterneinbeziehung: Die Familie wird meist in die Therapie einbezogen — als Informationsquelle und als Unterstützungssystem
- Systemischer Blick: Das Kind wird nicht isoliert betrachtet, sondern in seinem Familien-, Schul- und sozialen Umfeld
- Entwicklungsorientierung: Die Therapie berücksichtigt, in welcher Entwicklungsphase sich das Kind befindet
- Freiwilligkeit: Kinder sollen möglichst freiwillig kommen — Zwang wirkt oft kontraproduktiv
Therapiemethoden für Kinder und Jugendliche
Spieltherapie
Besonders für Kinder bis ca. 10 Jahre. Das Spiel ist die "Sprache" des Kindes — durch Puppen, Sand, Rollenspiele und kreative Medien können Kinder Erlebtes verarbeiten und ausdrücken, was sie in Worten nicht können.
Verhaltenstherapie (KVT) für Kinder und Jugendliche
Gut belegt bei Angststörungen, ADHS, Depressionen und Zwangsstörungen. Kindgerecht angepasst mit konkreten Übungen, Verhaltensexperimenten und manchmal Elterntraining.
Systemische Familientherapie
Das gesamte Familiensystem wird einbezogen — Eltern, Geschwister, manchmal Großeltern. Besonders hilfreich bei Familienkonflikten, Scheidung, Erziehungsproblemen.
Traumatherapie für Kinder
Bei belastenden Erlebnissen gibt es kindgerechte Versionen von EMDR und traumafokussierter KVT. Auch Geschichtenerzählen und kreative Medien werden eingesetzt.
Gruppentherapie
Besonders für Jugendliche wertvoll: In der Gruppe mit Gleichaltrigen können soziale Kompetenzen geübt, Perspektiven erweitert und das Gefühl "Ich bin nicht allein" erlebt werden.
Wer behandelt Kinder und Jugendliche?
In Österreich gibt es eigene Ausbildungen für Kinder- und Jugendpsychotherapie. Zuständige Fachleute:
- Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen: Spezialisiert auf unter 18-Jährige
- Kinder- und Jugendpsychiatrie: Für schwere psychische Erkrankungen und wenn Medikamente nötig sind
- Klinische Kinderpsycholog:innen: Für Diagnostik, Gutachten, Entwicklungsbeurteilungen
- Schulpsychologischer Dienst: Kostenlos, in jeder Schule zugänglich
Kassenleistungen für Kinder und Jugendliche
Psychotherapie für Kinder und Jugendliche ist grundsätzlich eine Kassenleistung — genauso wie für Erwachsene. Das bedeutet:
- Kassenplätze existieren auch für unter 18-Jährige, sind aber begrenzt
- ÖGK-Zuschuss gilt auch für Wahltherapie bei Kindern (Eltern stellen den Antrag)
- Kinder- und Jugendpsychiatrie ist über die Krankenkasse zugänglich
- Schulpsychologischer Dienst ist kostenlos
Lies mehr dazu in unserem Ratgeber zu Kassenplatz und Kosten.
Die Rolle der Eltern in der Therapie
Eltern sind wichtige Partner in der Therapie ihrer Kinder — nicht Zuschauer:innen. Übliche Formen der Elternbeteiligung:
- Anamnese-Gespräche: Eltern schildern zu Beginn die Entwicklung und aktuelle Problematik (ohne Kind)
- Elterngespräche: Regelmäßige Updates und Beratung, wie Eltern das Kind unterstützen können
- Gemeinsame Sitzungen: Je nach Thema werden Eltern in Sitzungen einbezogen
- Elterntraining: Bei ADHS oder Verhaltensauffälligkeiten oft parallel zur Kindertherapie
Wichtig: Was das Kind in der Therapie erzählt, bleibt vertraulich — auch gegenüber den Eltern. Ausnahmen: Gefahr für sich selbst oder andere.
Häufige Störungsbilder bei Kindern und Jugendlichen
Psychotherapie für Kinder und Jugendliche wird bei folgenden Problemen häufig eingesetzt:
- ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung)
- Angststörungen (Trennungsangst, Schulphobie, soziale Angst)
- Depression und Dysthymie
- Traumafolgestörungen (nach Missbrauch, Unfällen, Verlust)
- Essstörungen (Anorexie, Bulimie, Binge Eating)
- Zwangsstörungen
- Entwicklungsverzögerungen und -störungen
- Mobbing-Folgen
- Trauer und Verlust (Trennung der Eltern, Tod)
Wo finde ich Hilfe in Österreich?
- Rat auf Draht: 147 (kostenlos, 24/7, für Kinder und Jugendliche)
- Schulpsychologischer Dienst: Über die Schule zugänglich, kostenlos
- Kinder- und Jugendpsychiatrie: An größeren Krankenhäusern
- CheckPsy.at — Kinder- und Jugendtherapeut:innen finden
- Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie: oegkjp.at
Häufige Fragen zur Kinder- und Jugendpsychotherapie
Ab welchem Alter kann ein Kind in Therapie gehen?
Psychotherapie ist ab dem Kleinkind-Alter möglich — in Form von Spieltherapie und familientherapeutischen Ansätzen. Ab ca. 5–6 Jahren werden erste Gesprächsanteile möglich. Ab der Pubertät ähnelt die Therapie mehr der Erwachsenentherapie.
Was wenn mein Kind nicht in Therapie will?
Erzwungene Therapie bringt wenig. Erkundige dich, was das Kind ablehnt — ist es die Idee generell, eine bestimmte Person oder Angst vor dem Unbekannten? Ein unverbindliches Erstgespräch kann helfen. Manchmal hilft es auch, wenn Eltern selbst Therapie suchen — das verändert das Familiensystem.
Müssen beide Elternteile einer Therapie zustimmen?
Bei minderjährigen Kindern in Österreich ist grundsätzlich die Zustimmung beider obsorgeberechtigter Elternteile erforderlich. Bei gerichtlich geregeltem Besuchsrecht kann das kompliziert sein — sprich mit der Therapeutin über die konkrete Situation.
Wie erkläre ich meinem Kind, warum es in Therapie geht?
Altersgerecht und ehrlich. Für jüngere Kinder: "Du gehst zu einer Fachperson, die Kindern hilft, wenn sie traurig oder ängstlich sind — wie eine Ärztin, nur für Gefühle." Vermeide Stigmatisierung und betone, dass es kein Versagen ist, Hilfe zu brauchen.